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Brigitte Burmeister liest den Roman:
„Anders oder vom Aufenthalt in der Fremde“

ANDERS
oder
Vom Aufenthalt in der Fremde

Verlag der Nation, Berlin 1987,
Luchterhand Literaturverlag, Darmstadt 1988

Klappentext zur Ausgabe des Luchterhand Literaturverlages 1988

ANDERS als alles, was wir sonst aus der DDR zu lesen gewohnt sind, ist dieser “Roman”, der ungewöhnliche Erstling einer als Romanistin renommierten Autorin, fällt er doch weit heraus aus der Konvention linearen Erzählens. Brigitte Burmeister (Jg. 1940) ist mit Arbeiten zum Nouveau roman bekannt geworden – insbesondere Claude Simon und Nathalie Sarraute -, bevor sie sich entschloss, die gesicherte Existenz bei der Akademie aufzugeben und selbst zu schreiben – ein biographischer Knick, der uns von anderen DDR-Autorinnen vertraut ist.

ANDERS! Das ist der Name des fragwürdigen Helden, hauptsächlich aber wohl eine Art epischer Imperativ, der einem bei der Lektüre langsam dämmert, sich jedoch bald auf ebenso vergnügliche wie quälende Weise zum Schlag-, Schlüssel-, Flucht- und Rätselwort, zur vexatorischen Interpretationshilfe entwickelt« – so Rudolf Gerlach in seinem Nachwort zu «Attraktion und Provokation dieses Buches der Widersprüche«.

Der Roman erzählt, in einer changierenden Mehrdimensionalität der Textebenen, die Geschichte einer Persönlichkeitskrise. Von der Handlung lässt sich hier nur das äußere Gerüst wiedergeben: Anders, die erzählende Hauptfigur, ein kleiner Angestellter, ist aus der Provinz für ein Jahr an eine zentrale Behörde der »Hauptstadt« versetzt worden; in Briefen an die «Lieben daheim« berichtet er von seinem Aufenthalt in der Fremde und von den verwirrenden Erfahrungen, die er dort macht. Doch je weiter der Text voranschreitet, um so fragwürdiger wird der Charakter der insgesamt 53 Wochenberichte: Waren sie überhaupt je für die Daheimgebliebenen bestimmt oder von vornherein für die Schublade – exzessive Schreibversuche, um der »Ereignisarmut des ausserberuflichen Lebens« zu entgegnen und/oder sich seines bedrohten Selbst mittels der gewohnten Ordnung des Protokolls zu versichern?

Brigitte Burmeister hat es mit erstaunlicher artistischer Raffinesse verstanden, einen DDR-Roman mit den Mitteln des Nouveau Roman zu schreiben und sie darin zugleich aufzuheben. Zwar betont die Autorin, sie habe kein Buch über `ein Leben in der DDR heute -Arbeit und Alltag` schreiben wollen, »gleichwohl ist die einzige gesellschaftliche Praxis, die ich aus eigener Erfahrung kenne, die hiesige. Sie kommt also selbstverständlich vor. Als eine Art stillschweigende Voraussetzung: das, was alle hier kennen, ihr Land. Herausgehoben aus diesem stummen Hintergrund sind einige besondere und, wie es scheinen mag, nebensächliche Momente: Straßeneindrücke, Arten der Freizeitnutzung, Feste, Umgangsformen, Mentalitäten. Hier sind die Abbilder meist auch Gegenbilder – durchzogen von impliziten Vorschlägen und Wünschen -, deren gemeinsamer Zug das Verfremden und Auffälligmachen von Selbstverständlichem und das Plädoyer für eine beweglichere, erfinderischere, assimilationsfähigere Praxis ist; ein Plädoyer auch für Phantasie, Neugierde, Veränderungsbereitschaft, für Respekt vor dem Anderen und Andersartigen.«
Die sichere Dezenz der Prosa Brigitte Burmesters überrascht ebenso wie die Modernität der Struktur dieses Romans. «Sprache wird hier selbst zum Abenteuer«, schreibt Rolf Gerlach, «und das um so eindringlicher, je besonnener man lesend der Fähigkeit der Autorin folgt, Sprache schlicht beim Wort zu nehmen, und nachschmeckt, was die Sätze an Sinngehalt und Poesie t