Im fernen Osten

Nach einem langen Flug, drei Stunden nach Moskau und acht bis Wladiwostok, erscheint für einen Augenblick das Gehen wie verlernt. Dann wieder selbstverständlich, lässt es die Aufmerksamkeit frei. Sie gilt nun den Schildern, Zahlen und Zeichen auf einem Weg, den man alsbald vergisst. Welcher Flughafen lenkt das Interesse auf die Gestaltung seiner Gänge, Treppen, Fahrstühle, Türen, oder welchen Reisenden packt hier schon die Neugier ? Vorwärts, vorbei, hindurch, um draußen zu sein. Aufgehalten noch am Gepäckband, dann in der Schlange vor dem letzten Kontrollschalter auf dieser Strecke und endlich hinaus in die Wartehalle. Ich folge Hannes, dem Freund, der nicht zum ersten Mal hier ist und dessen bewährte Reiseleiterfähigkeiten mich unterwegs aller Sorge entheben außer der, ihn nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich sehe, dass er jemandem aus der Schar der Abholer zuwinkt, einer großgewachsenen jungen Frau, die ebenfalls winkt. Katja. Lächelnd heißt sie uns willkommen. Auch ihr Mann ist da, Wassili, mit einem geräumigen Auto, an dem mir auffällt, dass das Lenkrad rechts sitzt. Ein japanischer Gebrauchtwagen, sie beherrschen hier das Straßenbild, sagt Hannes. Aber wieso haben die Japaner Linksverkehr, sie gehörten doch nie zum britischen Commonwealth? Die Frage bleibt ungeklärt. Es gibt für Katja und Hannes genügend anderes zu besprechen, viel zu erzählen. Auf Deutsch. Wie geht es, was macht , wo ist jetzt, dann ein Name, eine Geschichte und wieder ein Name, so rundet sich die Welt der gemeinsamen Bekannten. Wassili fährt, er spricht nur Russisch. Ich höre zu und sehe aus dem Fenster auf eine flache Landschaft, dünne kahle Bäume wie Strichzeichnungen vor dem eintönig hellen Himmel, Sibirien an seinem östlichen Ende. Dann kommen Gewerbegebiete, Autohäuser mit den bekannten koreanischen und japanischen Marken, Reklametafeln für Hersteller und Produkte, die ich nicht kenne. Vom Flughafen bis zur Stadt sind es gut vierzig Kilometer. Dank der neuen Schnellstraße und weil Sonntag ist, kommen wir zügig voran. Irgendwann taucht am rechten Straßenrand eine klobige dunkle Tiergestalt auf, ein Bär, denke ich, klar, Russland. Hier beginnt die Stadt, sagt Katja, der Amur-Tiger ist ihr Wahrzeichen. Und die Geschichte vom Tiger und dem Ziegenbock jetzt fällig, sie ging um die Welt, Hannes kennt sie bereits. Im Tierpark nahe von Wladiwostok bekam der Tiger eines Tages einen lebenden Ziegenbock als Futter, aber rührte ihn nicht an. Die beiden wurden Freunde, sie existierten friedlich miteinander, bis Amur auf Timur los ging, der ihn mit Hörnern und Hufen traktiert hatte. Schwer verletzt wurde Timur in ein Moskauer Krankenhaus gebracht und nach seiner Genesung zurück in den Zoo, wo er eine neue Gefährtin bekommen soll. Fortan durch einen Zaun von Timurs Gehege getrennt, hat Amur das Interesse an seinem einstigen Freund offenbar verloren. Den Tierpark werden wir nicht besuchen. Für die Besichtigung der Stadt haben wir in der Mitte der Woche einen Tag frei, an den übrigen vier eine Reihe von Veranstaltungen an der Universität auf der„Russischen Insel“. Dorthin fahren wir. Die Stadt zieht vorbei, auf Hügeln, am zerklüfteten Ende einer Halbinsel im Pazifik gelegen, immer wieder erblickt man Wasser. So schön hatte ich mir die Lage gar nicht vorgestellt. Ja, gern werde Wladiwostok mit San Francisco verglichen, sagt Katja, allerdings, auch zum häufigen Nebel passe der Vergleich. Zum Stadtgesicht leider nicht, denke ich, zunehmend enttäuscht. Als hätten die Erbauer keinen Blick für die Landschaft gehabt. Ein Konglomerat von Häusern, auf gut Glück über die Hügel verteilt, nichts planerisch Komponiertes, eine chaotisch gewachsene Stadt. Nichts, das im Vorbeifahren den Blick fesselt, ausgenommen die neuen Brücken. Von ihnen hatte ich schon gelesen, Projekt der Superlative, beide 2012 eingeweiht, Schrägseilbrücken, die eine (Solotoi Most) insgesamt gut zwei Kilometer lang, drei Komma eins die andere (Russki Most), die zur Insel hinüberführt, auf der die Universität liegt. Zunächst kurz noch Halt an einem Einkaufszentrum. Wir wollen uns mit Trinkwasser versorgen. Vor dem, was aus der Leitung kommt, wird man gewarnt, auch wenn es nicht mehr gelb aussieht. Das Angebot an Wassersorten verwirrt mich. Ich hatte mit einer die Auswahl erleichternden Überschaubarkeit gerechnet. Katja und Wassili beraten uns und weiter geht’s. Vergebens versuche ich, mich an Supermärkte während meines letzten Russlandaufenthaltes zu erinnern, zwölf Jahre zuvor, auch damals zusammen mit Hannes. In Saratow an der Wolga hatten wir eingekauft, was wir zum täglichen Frühstück brauchten, aber kein einziges Ladenbild taucht auf. Erinnerungen an eine Markthalle, ja, üppige, weißgekleidete Verkäuferinnen an üppig gefüllten Ständen mit einheimischen Milch- und Fleischprodukten, Obst, Gemüse, Brot, ein überdachter Bauernmarkt, und davor, am Straßenrand sitzend, ältere Frauen mit ein paar Äpfeln oder Tomaten oder Zwiebeln aus dem eigenen Garten. Auch wenn mein Gedächtnis nichts hergibt, um im Vergleich den Versorgungsfortschritt zu ermessen – beträchtlich ist er zweifellos, das Einkaufszentrum „Parus“ (Segel) am Rand von Wladiwostok hat augenscheinlich globalen Anschluss gefunden.
Die Russki-Insel mit ihren Hügeln und Laubwäldern wirkt menschenleer, keine Ortschaften längs der Autostraße, doch ist sie, wie man nachlesen kann, schon seit der Jungsteinzeit bewohnt und beherbergt gegenwärtig auf ihren knapp hundert Quadratkilometern fünf- bis sechstausend Einwohner – die Population der Universität nicht mitgerechnet. Wie viele studieren dort? Etwas über vierzigtausend , sagt Katja. Unvermittelt tauchen in der unscheinbaren Landschaft hohe Bauten aus Beton und Glas auf, ein im Halbkreis angelegter Komplex, dem man die Einheitlichkeit des Großprojektes ansieht, wie aus dem Boden gestampft und in einem Zug durchgestaltet, als wäre das Architekturmodell in die Höhe geschossen. Um auf das umzäunte Gelände zu gelangen, brauchen wir eine spezielle Erlaubnis. Neuerdings habe die Universitätsleitung allen Autos, außer den Shuttlebussen, das Befahren des Campus verboten. Katja sagt dies lächelnd, mit leichtem Kopfschütteln und hält die nötige Ausnahmegenehmigung bereit. So rollen wir bis vor den Eingang unserer Unterkunft. Wir sind im Gästehaus der Universität untergebrat, hatte Hannes angekündigt. Es erweist sich als komfortables Hotel und ist eines unter fünf gleichartigen terrassenförmigen Gebäuden, die nummeriert sind: Gostiniza 1.
Während des Eincheckens bleiben Wassili und Katja noch bei uns. Zwar hatte ich einige Monate vor der Abreise mein karges Russisch im Internet aufgefrischt, aber dem Härtetest einer etwaigen Auseinandersetzung um Formalitäten wäre es so wenig gewachsen wie das Englisch der Rezeptionistin. Nach vollbrachter Anmeldung drückt Katja jedem von uns ein graues Pappkärtchen in die Hand: Ganz wichtig, der Propusk. Meiner trägt die Nummer 4505 und berechtigt mich als priglaschenny professor für die Zeit vom zweiten bis achten April 2017 zum Besuch der Universitätsgebäude A, B, D. Mein Name ist in einer sorgfältigen, nach rechts geneigten Handschrift eingetragen, die mich wie das Blau der Tinte an die Briefe meiner einstigen Freundinnen Larissa und Ljudmila erinnert. Katja und Wassili begleiten uns mit dem Gepäck zum Fahrstuhl und hinauf bis in unsere Etage, vergewissern sich, ob mit den Zimmern alles in Ordnung ist. Ich winke ihnen zum Abschied nach, diesen freundlichen Akteuren eines gut organisierten Empfangs in dem Land, das ich in Gedanken manchmal noch, mich schleunigst korrigierend, Sowjetunion nenne.
Zimmer und Bad überraschen mich mit ihrer Geräumigkeit, der bequemen, gut durchdachten Ausstattung. Man richtet sich mühelos ein, benutzt das Ganze gern und wird es in seiner standardisierten Zweckmäßigkeit (bei Hannes sieht es, seitenverkehrt, genauso aus) auch bald vergessen haben. Anders vielleicht, hätten wir eines der Apartments mit den riesigen Terrassen- die Präsidentensuiten, sagt Hannes – von innen erblickt. Sie sind unbewohnt wie anscheinend die meisten Zimmer hier.
Wir verstauen unsere Sachen und machen einen Gang über den Campus zum Hauptgebäude, in dem sich das Universitätsmuseum, die Bibliothek, ein Theater- und Konzertsaal befinden, alles sehr groß hoch hell und leer. Außer einer kleinen Gruppe, die ein Pantomimestück mit Gesang probt und zwei Studentinnen, die uns auf Englisch als Deutsche ansprechen, begegnen wir nur den Wachleuten am Eingang, von denen sich einer trotz der üblichen gestrengen Miene als hilfsbereit erweist und Hannes zeigt, wie er an einem Bankautomaten Geld auf sein Handy mit russischer Nummer (sie braucht man hier für den WLAN Zugang) laden kann.
Über das leicht abfallende Gelände gehen wir hinunter zur Bucht, an der die Sportplätze der Universität liegen. Dort , immerhin, sind einige Menschen unterwegs, Läufer, die auf der Aschenbahn ihre Runden drehen, Spaziergänger am schmalen, grobkörnigen Strand. Weiter draußen ankern Schiffe. Vielleicht ist das hier, abseits der Häfen von Wladiwostok, eine Art kostenloser Parkplatz. Im Dunst erkennt man die Rücken einer Hügelkette, die Pfeiler der Russki- Brücke schon nicht mehr. Der Ozean, vielmehr sein Japanisches Meer genannter Ableger hier, ist still, seine Farbe ein sanftes Aquablau, das verblasst , verdünnt, wie ausgeblichen sich im wolkenlosen Himmel wiederholt. Wir kehren um. Zwar ist es nicht kalt, nahe an zehn Grad plus, aber ich friere, wahrscheinlich aus Müdigkeit nach dieser Nacht im Flugzeug. Wir wollen irgendwo einkehren. Hannes erinnert sich an ein Restaurant, doch schon auf dem Weg dorthin ahnen wir, dass es geschlossen ist. Der Campus erscheint wie ausgestorben, die Sonntagsruhe allumfassend. Auch die Bibliothek im Hauptgebäude, in die wir von oben hineinsehen konnten, war außer Betrieb. Diese völlige Abwesenheit von studentischem Leben, die Stille überall auf dem Gelände ist mir unheimlich. Wozu und für wen der riesige Aufwand an Gebäuden, Wegen, gestalteten Rasenflächen und kleinen Plätzen. Mag sein, dass es im Sommer anders zugeht, belebter, bunter, aber auch dann säße hier niemand auf Kaffeehausterrassen. Unterrichtsräume, Sportstätten, Fahrradverleih, ein paar Kantinen und kleine Läden. Die Bewohnerinnen der Internate müssen in die Stadt fahren (mit dem Bus dauert es etwa eine dreiviertel Stunde), um in eine Disco, ein Kino oder eine Bar zu gelangen. Alkoholkonsum ist auf dem gesamten Gelände, auch in den Unterkünften untersagt. Den Hotelgästen freilich nicht, nur müssen die von außerhalb mitbringen, was sie zur Selbstversorgung brauchen. Wir werden daran denken, wenn wir in die Stadt kommen.
Für heute Abend genügen schwarzer Tee und ein roter, sämiger Fruchtsaft, der gut schmeckt. Die kleine Kantine in unserem Hotel ist geöffnet, wir sind die einzigen Gäste, hinterm Tresen mehrere geschäftige Küchenfrauen, von denen eine auch an der Kasse Dienst tut. Die Auswahl an Gerichten ist reichlich: Suppen, Salate, Geflügel, Fisch, Bouletten, gefüllte Teigtaschen, Gemüsebeilagen, Omelette, Reis und Kartoffeln, Süßspeisen, sämtlich mit Namen (die ich übersetze oder errate) und Preisangabe ausgeschildert. Die freundlichen Frauen zeigen uns – einige Gerichte sind höchstens lauwarm – ,wo die Mikrowelle steht. Es gibt auch einen Samowar mit heißem Wasser für die Teebeutel. Ich übe mich im Umrechnen, teile durch Sechzig, was ich in Rubeln ausgebe, etwas über vier Euro hat diese erste Mahlzeit hier gekostet.
An der Rezeption erhalten wir die Wasserkocher, um die wir gebeten hatten. Benutzt habe ich meinen dann nur, solange die Nescafé-Tütchen reichten, die uns Bärbel nebst Studentenfutter und Dinkelkeksen mitgegeben hatte.
Weil ich kein Handy mit russischer Telefonnummer habe, muss ich auf WhatsApp verzichten und schicke Jörn eine SMS. Sofort kommt Antwort, in Deutschland ist erst Nachmittag. Ich falle ins Bett, schlafe gleich ein, wache allerdings um zwei Uhr wieder auf und lese mich dann müde in dem fesselnden Roman, den mir Hannes empfohlen hat : „Berlin liegt im Osten“. Für mich aber in den nächsten zwei Wochen sehr fern im Westen.
Am Montag beginnt die Arbeit. Zwei Veranstaltungen stehen auf dem Plan, ein Vortrag über „Berlin als geteilte Stadt der Literatur“ und zusammen mit Hannes ein „dialogisches Kolloquium“ zum Thema „Was bedeutet Deutschland für uns und unsere Generation?“
Zunächst aber sind wir mit der Leiterin der Germanistikabteilung Ljudmila Kornilowa verabredet. Wir machen uns auf den Weg zum Gebäude D. Der Campus ist nun belebt, über das weitläufige Gelände eilen sie zum Unterricht, Europäer und Asiaten. Die Universität wirbt mit ihrer Internationalität (Studierende aus 52 Ländern, steht in einem der Prospekte), ihrer kulturellen Vermittlungsrolle im Asiatisch-Pazifischen Raum. Hier ist Moskau weit weg, China nahebei, Korea ebenso und Tokio zwei Flugstunden entfernt. Es war der APEC Gipfel 2012 unter russischer Schirmherrschaft, der den Anlass zu einem prestigeträchtigen Großprojekt lieferte. Ihm verdankte die aus vier führenden Hochschulen hervorgegangene Fernöstliche Föderale Universität von Wladiwostok ihren neuen Standort auf den Hügeln einer dünn besiedelten Insel außerhalb der Stadt. Da war Moskau wieder ganz nah. Am letzten Tag des Gipfels, der im nagelneuen Kongresszentrum tagte, übergab Präsident Putin den Studierenden der FEFU einen symbolischen Schlüssel zum Campus.
Die hier in einem der Internate wohnen, haben es bequem und können sich ohne zeitraubende Anfahrten, ohne Ablenkung durch Vergnügungsangebote voll auf das Studium konzentrieren: Genau das Richtige, sage ich zu Hannes, für strebsame Asiaten. Und ein Problem für die Lehrkräfte, sagt er, die ja in der Stadt wohnen und die frühere Nähe zu ihrer Arbeitsstelle, die urbane Umgebung vermissen. Die Aufwertung der Universität zum Vorzeigeobjekt, dem „Flaggschiff der höheren Bildung“ in Russlands fernen Osten erweist sich für einige, mit denen wir sprechen, als ein Danaergeschenk, oder mit den Worten einer altgedienten Französischdozentin: C’est l’enfant de notre président, vous comprenez´?
Jedoch, uns als Gästen für kurze Zeit zeigen sich vor allem die angenehmen Seiten des Neuen, von den funktionierenden Fahrstühlen, der hilfreichen Ausschilderung über die hellen, sauberen Unterrichtsräume, Flure und Treppenhäuser bis hin zu den tadellosen Toiletten. In allem das Gegenteil der versifften Räumlichkeiten in meiner Erinnerung an die Universität von Saratow. Wir fahren in die neunte Etage und können beim Gang den Flur entlang durch die Glasscheiben der Türen Blicke auf das Unterrichtsgeschehen werfen. Im Büro von Ljudmila Kornilowa erwartet uns ein junger Lektor der Bosch-Stiftung, seinen Vornamen missverstehen wir als Dennis, was er offenbar gewohnt ist. Danny heißt er, mit Nachnamen Lenz, und stammt aus Linde in Brandenburg, einem Dorf mit besonders hohem Anteil an Rechtsradikalen, sagt er. Damit wir uns von dem anheimelnden Namen nicht täuschen lassen, denke ich. Danny bewirtet uns mit Kaffee und Gebäck. Wir plaudern, stellen Fragen. Hannes bemerkt im Regal einen Stapel Taschenbücher: Uwe Timms „Entdeckung der Currywurst“. Das lesen sie in Auszügen. Schwerpunkt der Ausbildung ist der Sprachunterricht, dann Landeskunde, nur am Rande Literatur. Aber es verirrten sich auch mal Schriftsteller in die Gegend, so war Katerina Poladjan zu einer Lesung da, sagt Danny und zeigt auf ein Plakat neben der Tür. Das trifft sich gut. Sie ist eine von den sechs aus Russland stammenden Autorinnen, deren auf deutsch geschriebene, in letzter Zeit erschienene Romane Hannes in einem Seminar hier vorstellen wird. Einen Teil von ihnen hat Danny gelesen, er interessiert sich für das Deutschlandbild, den Heimatbezug, die Sprache dieser Migrantinnen und erzählt von seinen Aufenthalten in Russland, den Reisen, die er noch vor hat, bevor er in diesem Jahr (es klingt nach: leider) zurück nach Deutschland geht. Die Studierenden haben Glück mit diesem Lektor, finden wir. Ljudmila kommt, eine gut aussehende, gut gekleidete Frau in den Fünfzigern, mit dunklen Augen und kurz geschnittenem schwarzem Haar. Die Begrüßung mit Hannes ist herzlich und vertraut, Geschenke werden überreicht, unter anderem Kaffee, den Ljudmila sehr zu schätzen weiß. Ich bekomme sibirischen Honig, aus dem Souvenirsortiment der Uni einen Schreibblock nebst Kugelschreiber, einen Trinkbecher und ein Abzeichen, das alles in einem Stoffbeutel, den russische und chinesische Studenten während eines Umweltprojektes entworfen und farbig bedruckt haben, „Natur ist geil“, lese ich.
Danny besorgt uns Wasser, er selbst greift zu einer großen weißen Plastikflasche mit Kwas von der Sorte, die ihm am besten schmeckt, dann gehen wir (und nehmen lieber die Treppe als den Fahrstuhl, mit dem man umsteigen müsste) hinunter in die vierte Etage, wo mein Vortrag über Berlin stattfindet.
Hannes ist mitgekommen, eine moralische und auch praktische Unterstützung. Er schreibt die im Vortrag fallenden Namen – es sind nicht wenige – an das Whiteboard hinter mir. Ich bemühe mich, langsam und sehr deutlich zu sprechen. Der Text ist alt, aber da er hauptsächlich vom geteilten Berlin handelt, Korrekturen durch die Geschichte nicht mehr unterworfen. Ich habe ihn schon auf Englisch vor amerikanischen College-Studenten vorgetragen, beim Übersetzen auf Möglichkeiten zur Vereinfachung geachtet. Dennoch mag er die Zuhörerschaft überfordern – sprachlich und durch seinen Inhalt, der den Zwanzigjährigen so prähistorisch vorkommen muss wie die meisten Ereignisse vor ihrer Geburt. Etwa fünfundzwanzig sind erschienen, davon ein knappes Drittel Jungen. Sie sitzen aufmerksam da, einige schreiben mit oder haben es zumindest vor, Papier und Stifte liegen auf den Tischen. Wenn ich vom Blatt aufsehe, trifft mein Blick Gesichter, die nichts verraten, im Hintergrund die dekorierte Rückwand: Eine Deutschlandkarte, bunte Plakate mit großen kyrillischen Buchstaben, die beim Lesen zwei deutsche Wörter ergeben: Kinderlachen, Autofahren, in der Mitte eine schwarz rot goldene Fahne, auftrumpfende Farben im hellgrauen Raum.
Nach dem Vortrag Stille. Keine Fragen, keine Diskussion. War jemand von ihnen schon in Berlin? Keine Antwort. Danny versucht zu animieren, zeigt auf der Karte die Lage der Stadt, um die es geht, und fährt den ehemaligen Grenzverlauf entlang: Westberlin lag also mitten in der DDR. Hatten sie das nicht gewusst oder nicht verstanden, als ich es mit Zitaten aus Peter Schneiders Erzählung „Der Mauerspringer“ zu veranschaulichen suchte? Was hatten sie überhaupt verstanden? War die ganze Veranstaltung schlicht ein Schuss in den Ofen? Danny beruhigt mich : diese Reaktionslosigkeit – eine ganz normale Reaktion. Sie alle scheuten sich, Deutsch zu sprechen, einige von ihnen seien erst im zweiten Studienjahr.
Der mich dann auf dem Flur anhält, sagt, dass er neunzehn sei und mit seinen Eltern schon ein paar Jahre in Deutschland verbracht habe. Ob man ihn für einen Deutschen halten könnte? Durchaus. Ob er ein Foto machen dürfe? Warum nicht. Wir stellen uns dicht nebeneinander, er streckt den Arm aus, nimmt uns auf, möchte sich noch weiter mit mir unterhalten. Ich verabschiede mich rasch: bis gleich.
Und es geht nach kurzer Pause weiter – mit derselben Gruppe im selben Raum. Hannes (auch mit ihm hatte der Junge schnell noch ein Selfie gemacht) und ich als Angehörige der Kriegsgeneration führen ein Gespräch über unser Deutschlandbild : wodurch es beeinflusst wurde, worin es sich geändert hat. Wir versuchen zu erklären, warum Patriotismus uns fremd ist und was wir an Deutschland schätzen. Dann fragen wir in die Runde, ob man unsere Einstellung verstehen, sie nachvollziehen kann? Danny wird direkter: Was bedeutet für euch Heimatliebe, fühlt ihr euch als Patrioten? Das ist ziemlich forsch, eine persönliche Frage, sind sie derlei gewöhnt, wie frei können oder wollen sie sich äußern? Gleichviel, jetzt wird es lebhaft, denke ich. Aber nichts geschieht. Niemand rührt sich, sie schweigen unerbittlich weiter. Es nervt. Ich halte an mich, um nicht herauszuplatzen: Dazu muss man doch eine Meinung haben!
Und bin noch aufgebracht, als wir zur Stolowaja „Island“ gehen, wo wir mit Ljudmila zum Mittagessen verabredet sind. Hannes als alter Unterrichtsprofi sagt, meine Frustrationstoleranz sei zu niedrig. Wohl wahr. Fehlende Übung, an einer Universität war ich zuletzt vor zwölf Jahren, mit dir in Saratow, sage ich.
Und dies ist gewiss das allerletzte Mal. So zu denken, hatte etwas Feierliches: Dass ich das noch erlebe! Solch weite Reise, und nicht als Touristin. Mit einem Arbeitsauftrag. Und wieder nach Russland, wohin mich meine erste Dienstreise geführt hatte, 1970 nach Leningrad. An das östliche Ende jetzt. Wievielmal würde Deutschland in die Strecke passen, die wir auf dem Flug hierher zurückgelegt haben? Schon auf der unvergesslichen Reise durch Mittelasien, von Turkmenistan bis nach Kirgisien , im Juni 1972, erschien es mir unfasslich, dass ein Land solcher Größe und Verschiedenartigkeit regierbar war, dass es nicht auseinanderfiel. Damals hatten wir beim Anblick von Medressen, Mausoleen und Moscheen, im Inneren von Jurten und auf schaukelnden Kamelrücken uns vorsagen müssen, dass wir immer noch in der Sowjetunion waren. Dabei existierte sie nicht bloß als politischer Begriff und unsichtbares Band. Die Schrift, die Wohnhäuser, Straßenlöcher, hohen Bordsteigkanten, die Trolleybusse und Moskwitschlimousinen, der Naphtalingeruch und das Veilchenparfüm, die Lenindenkmäler, Pioniertrachten, Haarschleifen, die schön gedeckten Restauranttische, die blaue Tinte, die Kwaswagen, die Nummerierung der Stockwerke und die Etagenwächterinnen in den Hotels – der Sojus war allgegenwärtig.
Auch im neuen, kapitalistischen Russland ist er nicht gänzlich verschwunden. „Das ist wie früher“, sage ich zu Hannes und meine zum Beispiel in den Gebäuden die unvermuteten Schwellen, Stolperstellen, auf die er mich aufmerksam macht, oder den Zustand der Gehwege. Sogar auf dem Gelände der Universität, das erst vor fünf Jahren angelegt und gestaltet wurde, sind Wegplatten und Fliesen schon gesprungen, bröckeln Treppenstufen. An früher erinnern mich all die Beschäftigten, die als Wärterinnen, Kontrolleure, Wachleute postiert sind und beschäftigungslos wirken, „verdeckte Arbeitslosigkeit“ hieß das bei uns. Aber, denke ich jetzt, eben keine Arbeitslosigkeit, sondern – wenngleich miserabel bezahlte – Jobs.
Wie früher auch: die Menge an Denkmälern, in Wladiwostok fällt es mir auf. An unserem freien Tag kommt Ljudmila extra in die Universität, um dann mit uns im Bus in die Stadt zu fahren, durch die sie uns führen wird. Noch ist es neblig. Auf halsbrecherischen Wegen erklimmen wir den höchsten Hügel, auf den eine Seilbahn fährt. Sie benutzen wir, die einzigen Fahrgäste, dann für den Rückweg. Eine Schaffnerin kassiert in der Kabine. Ljudmila zeigt hinunter auf Häuserschemen, ich erkenne ein grünes Dach und einen spitzen grünen Turm: die neugotische Pauluskirche. Vor hundertzehn Jahren vom deutschen Architekten Georg Junghändel entworfen, gilt sie neben dem Bahnhof als das wertvollste Baudenkmal der Stadt. Nach 1935 in einen Matrosenclub umgewandelt, dann in ein Kino, diente sie schließlich als Militärmuseum der sowjetischen Pazifikflotte und befand sich 1997 bei ihrer Rückgabe an die Lutherische Gemeinde in einem Zustand, der aufwändige Sanierungsarbeiten erforderte. Nunmehr ist sie ein Schmuckstück mit einer Freitreppe am Haupteingang, drei neuen Glocken, zwei Orgeln und farbigen Bilddarstellungen auf den Glasfenstern der Apsis. Auf eine Besichtigung sollten wir besser verzichten, Ljudmila und Hannes kennen den redseligen Selbstdarstellungseifer des Hamburger Pastors, der seit Beginn der 1990er Jahre hier tätig ist und die Propstei Ferner Osten leitet.
Am Fuss des Hügels fällt mein Blick auf ein prächtiges weißes Wohnhaus mit Erkern kleinen Türmen und einem blass himbeerroten Dach. Hier habe Frau Unterberger ihre Kindheit verbracht, sagt Ljudmila und erzählt vom bevorstehenden Besuch der Dame, die als Nachfahrin des Militärgouverneurs Pawel Unterberger, eines Deutschen im Zarendienst, mit der Geschichte Wladiwostoks verbunden ist.

Etliche Deutsche haben in der Region ihre Spuren hinterlassen, als Gouverneure, Militärs und Kaufleute, alle involviert in die russische Expansion nach Osten. Die Festung Wladiwostok steht nicht auf unserem Besuchsplan. Das Museums-U-Boot am Stadthafen und eine Reihe patinierter, sicher schon im russisch-japanischen Krieg tätiger Geschütze sehen wir im Vorbeigehen, ich mache rasch ein paar Aufnahmen.
Fotogener ist zweifellos das Jugendstilpalais, vom Architekten Junghändel für die Hamburger Gustav Kunst und Gustav Albers entworfen. Sie gründeten das erste deutsche Kaufhaus an einem Ort, der 1864, als Gustav Albers in der „Seegurkenbucht“ vor Anker ging, ein Kaff aus 44 Holzhäusern war. Auch das Kaufhaus war aus Holz, bevor an seiner Stelle der Prachtbau von 1907 entstand, seit seiner Verstaatlichung 1930 das GUM von Wladiwostok. Wir werfen einen Blick in den restaurierten Hof des Kaufhauses, wo der frühere Chinesenmarkt einem Parkplatz weichen musste. Vielleicht ein Relikt von damals: die Abbildung einer im Lotossitz über den Wolken schwebenden vielarmigen Gottheit mit Elefantenrüssel, die für ein Lokal namens Big Buddha wirbt – in kyrillischen Buchstaben. Trotz der Nachbarschaft mit China und Korea, trotz des einstigen Chinesenviertels „Millionka“ (ungezählte Einwohner, geschätzt eine Million), trotz der Dominanz japanischer Autos und der Vielzahl von Asiaten im Straßenbild zeigt sich Wladiwostok als eine europäische Stadt, eine russische mit russischem Geschichtsbewusstsein – die restaurierten oder neu erbauten orthodoxen Kirchen, der Triumphbogen, bunt wie die Kremltürme, für den Zarewitsch Nikolai, der 1891 die Stadt besuchte, die Denkmäler der Heiligen Kyrill und Method, des legendären Ilja Muromez, der sowjetrussischen Volksheroen: Soldat, Matrose, Arbeiter und Bäuerin in kämpferischen Posen. Nicht minder monumental und für uns an diesem Ort ganz unerwartet: Alexander Solschenitzyn am Hafenbecken, leicht ausschreitend, als wäre er hier soeben an Land gegangen. Hannes stellt sich neben ihn, ergreift seine freie Rechte und lässt sich fotografieren. Das Bild zeigt einen Riesen aus Bronze und ihm knapp bis zum Ellbogen reichend einen weißbärtigen Mann, der aussieht wie ein alter Chinese. Ob Solschenizyn nach seiner Entlassung aus dem Gulag zunächst hierher gekommen oder von Wladiwostok aus ins amerikanische Exil gereist oder bei seiner Rückkehr von dort hier gelandet war? Auch Ljudmila weiß es nicht. Sie führt uns zum Denkmal eines anderen Emigranten, der es in Amerika zu Filmruhm brachte und nun kahlköpfig, im asiatischen Kostüm des Königs von Siam als überlebensgroße Statue vor einer hellen dreistöckigen Jugendstilvilla steht, einem auffallend schönen, gut erhaltenen Haus. Hier verbrachte er seine Kindheit, ein Wladiwostoker von russisch-mongolisch-schweizerischer Herkunft: Yul Brynner, sagt Ljudmila. Ob wir ihn kennen? Aber klar. Die Glatze! Cojack aus „Einsatz in Manhattan“, sage ich und lasse mich durch Hannes‘ Zweifel nicht beirren. Ben Hur, sagt er, ebenfalls im Irrtum. Mit der „Glorreichen Sieben“ hätten wir beide Recht gehabt.
Und kein Vertun gibt es dann bei der Identifizierung einer schwarzgrünen, von Bäumen und Häusern umstandenen Statue auf hohem Sockel, die wir von weitem erblicken : Mit ausgestrecktem Arm weist unverkennbar Lenin den Weg in eine lichte Zukunft. Nahe vor uns, gleich neben einem Cola-Automaten, steht ein Trupp junger Männer, die aussehen, als verbrächten sie täglich hier ihre Zeit. Wir wenden uns dem Bahnhof zu, Endstation der legendären Transsib, passieren die Sicherheitskontrolle, bewundern die restaurierten Deckengemälde im früheren Speisesaal, in dem jetzt Schmuck verkauft wird, und die schönen Fliesen im Treppenhaus, aus Deutschland sollen sie stammen. Wir gehen hinunter zu dem Bahnsteig, auf dem eine historische Dampflok ausgestellt ist, eine wie die, in der ein kleines Mädchen neben ihrem Vater, dem Lokomotivführer, einst mitfahren durfte. Ich fotografiere Ljudmila und die Lokomotive, Ljudmila fotografiert mich vor der Meilenstein-Säule mit der Zahl 9288.
Unterwegs zum Lokal, in dem wir Mittag essen wollen, treffen wir, mitten auf der belebten Hauptstraße Swjetlanskaja, Ljudmilas Mann, der vom Arzt kommt. Kurze Begrüßung auf Deutsch. Als Offizier der sowjetischen Streitkräfte hatte er mit seiner Familie einige Jahre in Köthen gelebt. Wie im Paradies, sagte Ljdumila, als sie auf diese Zeit zu sprechen kam, wie im Paradies. Für sie war damals die DDR der goldene Westen und Wladiwostok, Stützpunkt der Pazifikflotte, eine für uns Ausländer – und die meisten Sowjetbürger – gesperrte Stadt. Nach ihrer Öffnung zu Beginn der 1990er Jahre war sie (wie ganz Russland durch den Zerfall der Sowjetunion) von wirtschaftlicher Rezession stark betroffen. In den letzten zehn Jahren habe die Lage sich gebessert, die Region als „Tor nach Osten“ neue politische Bedeutung erlangt – Ljudmila bestätigt, was ich vorweg gelesen hatte. Der Augenschein hilft mit: das herausgeputzte Zentrum, die Uferpromenade, die restaurierten Häuser aus der Zarenzeit, die nostalgisch gestylte Fußgängerzone in der Admiral Fokin-Strasse, „unser Arbat“, sagt Ljudmila. Tourismus soll sich entwickeln, die entlegene Stadt zum Anziehungspunkt werden.
Das Kellerrestaurant, in dem wir einkehren, eine „Pelmennaja“, bietet russisch-ukrainisch-osteuropäische Küche. Es ist ausstaffiert mit einer Menge hölzerner Gefässe und Geräte in linearer Anordnung auf den unverputzten Backsteinwänden, mit Reihen nackter Glühbirnen an lindgrün gestrichenen Deckenbalken und Holzbänken wie aus historischen Eisenbahnabteilen zweiter Klasse. Die Kellnerinnen sind blond, flink, freundlich. Wir bekommen Speisekarten auf Englisch und Chinesisch, wählen Hühnerbrühe, Schtschi und Borschtsch, als Hauptgericht Pelmeni aus einem variantenreichen Sortiment. Russische Küche, wie sie mir immer schon gefallen und die baltischen Gerichte zu Hause mitgeprägt hat. Wieder einmal denke ich daran, dass der älteste Bruder meines Vaters noch als Kavallerist in der zaristischen Armee gedient hat, Pflicht eines russischen Staatsbürgers deutscher Abstammung. Zu einem Gesprächsthema zwischen Ljudmila, Hannes und mir wird das nicht. Wohlgesättigt ziehen wir weiter, vorbei am klassizistischen Hotel Versailles, in dem Brecht, aus Moskau kommend, wo Margarete Steffin schwer erkrankt zurückblieb und im Krankenhaus verstarb, mit seiner Familie ein paar Wochen zubrachte, bevor sie nach Amerika emigrieren konnten, sagt Hannes. Diese bedrückende Geschichte. Ob im Hotel irgendetwas daran erinnert, eine kleine Gedenktafel oder so? Ljudmilas Kopfschütteln zeigt mir, wie abwegig die Frage ist. Nach ein paar Minuten sind wir an einer Stelle der Stadt, die Vorstellungen von sommerlichem Treiben weckt, Strand, Meer und reihenweise Kioske, im Hintergrund das Dynamo-Stadion, über uns ein wolkenloser blassblauer Himmel. Bei gutem Wetter sitzt bestimmt halb Wladiwostok hier und isst Eis, wie sind eigentlich die Sommermonate? Mild und regnerisch mit angenehmen Wassertemperaturen, sagt Ljudmila.
Nach kurzer Einkehr in einem Café, wo wir guten Cappuccino bekommen, führt Ljudmila uns zum „hiesigen Arbat“, in ein kleines Geschäft namens „Kluge Produkte“, womit plastikfreies Spielzeug gemeint ist. Sie will Hannes Geschenke für seine Enkelkinder mitgeben, er soll sie bei der Auswahl beraten. Das dauert seine Zeit. Schneller geht es dann im Supermarkt, wir kaufen Rotwein aus dem südrussischen Kuban-Gebiet.
Mittlerweile herrscht dichter Verkehr, Gedränge auf den Bürgersteigen und an den Bus-Haltestellen. Wir beschließen, mit dem Taxi zurückzufahren. Die offiziellen erweisen sich als zu teuer um diese Zeit. Ljudmila wählt die Nummer eines Charter-Unternehmens. Sie beschreibt die Ecke, an der wir warten (ich höre sie Straßennamen buchstabieren) und erfährt kurz darauf aus dem Call-Center – in Sankt Petersburg oder sonstwo – Kennzeichen, Marke, Farbe des Autos, das uns abholen kommt. Ich mache ein letztes Foto an diesem Ausflugstag: Schräg gegenüber, neben einem Hochhaus mit gläserner Fassade, sitzt auf dem Dach eines weißen Flachbaus eine dunkle Gestalt, locker, ein Bein übergeschlagen und blickt die Straße hinauf. Ein junger Mann mit Hut? Ein Matrose, sagt Ljudmila, die es wissen muss. Die anmutigste der Skulpturen, die wir heute hier gesehen haben, finde ich. Kein Denkmal, ein überraschender Scherz.
Mit dem Fahrer haben wir Glück. Geschickt und zügig bringt er uns auf Schleichwegen aus der Stadt. Diese Nadelöhre würde sie stets meiden, sagt Ljudmila voller Anerkennung. Wir beide sitzen hinten, ich erzähle von meinem Berufsleben, wie ich zum Schreiben gekommen bin, Ljudmila hört zu oder ruht sich einfach aus vom vielen Deutschsprechen tagsüber. Ich fühle mich wohl neben ihr und bedauere, wie schnell diesmal die Fahrt vorüber ist. Für Hannes und mich jedenfalls. Wir winken Ljudmila nach, die zum Parkhaus auf dem Campus geht. Mit ihrem Auto wird sie in die Stadt zurückkehren, morgen früh zur Einführung in meine Lesung wieder hier sein. Wir werden in der Stolowaja „Island“, der Kantine mit der besten Küche, gemeinsam Mittag essen, tags darauf zum letzten Mal. Vielleicht sehen wir uns in Deutschland wieder?
Am Sonnabend um neun Uhr holt Katja uns ab. Dichter Nebel, der sich vor dem Flughafen lichtet. Wir sind zeitig da und können in aller Ruhe frühstücken. Das Café, dunkel getäfelt, wirkt gediegen und irgendwie britisch. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe, wir halten sie für eine Musikband, drei übernächtigt aussehende junge Männer und eine blonde Frau, deren Haarkranz an Julia Timoschenko erinnert, auffälliger noch ist ihr steifer bunter Mantel, bedruckt mit der Aufschrift „No tears but love“. Eine Botschaft zum Abschied von Wladiwostok?