Chabarowsk

Ich verlasse die Stadt und ihre Universität auf der Insel ohne Bedauern. Hier ist man am Ende der Welt, denke ich, Wasser und Nebel, ein paar Tage Sommer. Eine Gedenksäule zählt die Eisenbahnkilometer bis Moskau, mit dem Flugzeug erreicht man in knapp zwei Stunden Tokio oder Seoul. Aber als ein „Tor nach Asien“ existiert Wladiwostok, wenn man von den Gebrauchtwagen absieht, bislang eher in wirtschaftspolitischen Strategien als augenscheinlich im Leben auf den Straßen. Was hatte ich mir denn vorgestellt. Aus der Schulzeit stammte mein Bild von einer Festungsstadt auf steilem Ufer, weiß wie die Rügener Kreidefelsen, und Folge eines Missverständnisses. In dem Lied „Partisanen vom Amur“ – ich kannte die erste und die letzte Strophe – zog „unsre kühne Division hin zur Küste dieser weißen, heiß umstrittenen Bastion“. Im Russischen Bürgerkrieg nach der Revolution von 1917 diente Wladiwostok als Nachschublinie für die „Weißen“ unter Admiral Koltschak. Nach langen Kämpfen in der Küstenregion setzten die „Roten“ sich durch und erreichten die Stadt dann im Dezember 1922.
Wir verlassen sie in einem der weiß-blauen Flugzeuge von Aurora Airlines. Das ist, sagt Hannes, ein noch junges, auf Anweisung von Premierminister Medwedjew gegründetes Aeroflot-Tochterunternehmen mit Sitz auf Sachalin. Also wiederum ein „Präsidentenkind“, das Schwung in die Entwicklung Ostsibiriens bringen soll. Schwungvoll ist zunächst die Begrüßung durch Olga, die neben Hannes Platz nimmt und es toll findet, dass wir aus Deutschland kommen, dass wir nach Chabarowsk wollen wie sie, die als leitende Bankangestellte von einer kleinen Dienstreise zurückkehrt. Deren Abschluss muss sich weit in die Nacht erstreckt haben, alsbald ist Olga eingeschlummert und erwacht, von ihrer Kollegin jenseits des Ganges geweckt, erst kurz vor der Landung zu einem freundlichen Abschied. Mit seinen zwanzig Wörtern Russisch hat Hannes, einmal mehr, eine Reisebekanntschaft geschlossen, der ich ausgewichen wäre. Im Grunde verhalte ich mich nicht anders als Ljudmilas Studierenden, wenn sie lieber nichts sagen als einen Fehler zu machen. Und es mangelt mir, wie schon meine Mutter feststellte, an einem gewissen „mitmenschlichem Interesse“. So bin ich ganz zufrieden mit meinem Platz am Fenster, aus dem ich auf wechselnde Wolkenfelder sehe.

In Chabarowsk empfangen uns Sergej Schtscherbina und ein schweigsamer Student. Sie sind mit einem Auto der Universität da. Die Strecke vom Flughafen in die Stadt ist deutlich kürzer als in Wladiwostok, aber die Fahrt zieht sich hin im dichten, stockenden Verkehr. Nach dem Wortwechsel zur Begrüßung und der Aushändigung von zwei fürsorglich mit Teebeuteln, Brot, Käse und Jogurt gefüllten Lunchpaketen redet nahezu pausenlos Sergej, mit dem Thema Wasserleitung in seiner Datsche vom Hundertsten ins Tausendste kommend. Hannes hatte es angekündigt: Er spricht ein fabelhaftes Deutsch, von dem er ausgiebig Gebrauch macht.
Ich höre bald nicht mehr zu und lasse die Stadt auf mich wirken. Sie erscheint mir einladend, übersichtlich, von nüchterner Betriebsamkeit, weder heruntergekommen noch besonders reizvoll. Unser Hotel liegt nicht weit von der Universität an einer der Magistralen im gitterförmig angelegten Straßennetz. Gleichfalls in der Nähe befindet sich ein Einkaufszentrum, gruppiert um einen UFO-ähnlichen Rundbau mit Metalldach, von meinem Fenster aus zu sehen, wenn ich nach rechts blicke. Dem Hotel gegenüber, auf der anderen Seite der breiten Fahrstraße, erstreckt sich ein Block aus (nach russischer Zählung) fünfstöckigen hellgrauen Steinhäusern mit kleinen Fenstern und Balkonen, etliche von ihnen – vermutlich auf Initiative der Wohnungsinhaber – nachträglich verglast, Auflockerungen der frontalen Monotonie.
Monoton wirkt auch die Landschaft, durch die wir fahren. Kein Schnee mehr, die Bäume noch kahl, matte Grau- und Brauntöne. Im Sommer müssten wir die Gegend hier sehen, sagt Larissa, es klingt wie eine Entschuldigung. Nach einer kleinen Mittagsruhepause hat sie uns im Hotel abgeholt, Larissa Kulpina, Lehrstuhlleiterin an der Universität von Chabarowsk (TOGU). Mit Hannes ist sie im Rahmen der „Germanistischen Institutspartnerschaft“ seit langem verbunden. Auch ich bin ihr vor Jahren in Essen begegnet, bei einer Diskussion über Gaito Gasdanows Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“, in der mich ihr Deutsch sehr beeindruckt hatte. Wie russisch sie aussieht, denke ich jetzt (wie ich übrigens auch von Putin denke, dass er russisch aussieht) und könnte diesen Eindruck nicht begründen. Sie hat für uns ein Aufenthaltsprogramm ausgearbeitet, es umfasst nicht nur die Lehrveranstaltungen und beginnt mit einer Autofahrt, rund dreißig Kilometer in Richtung chinesischer Grenze. Wir steigen aus und sehen über ein sumpfiges braunes Gelände hinweg auf eine Art Piste, dahinter drei Freileitungsmasten. Dort ist China. In der Ferne erkennt man verschwommen den blaugrauen Umriss einer Hügelkette. Zurück in Chabarowsk, kommen wir, eine Stunde vor Toresschluss, gerade noch rechtzeitig zum Einlass in das Heimatmuseum, einen terrakottafarbenen Ziegelbau mit hoher Glasfront am Eingangsportal. Im Inneren eine Schatzhöhle, bewacht von einer Schar betagter Wärterinnen, die uns misstrauisch oder missbilligend, jedenfalls fernab von Freundlichkeit, im Blick behalten, vermutlich besorgt, dass wir durch zu langes Verweilen das pünktliche Ende ihres Dienstschlusses gefährden. Und in der Tat, in diesem Museum könnte man stundenlang umhergehen, die über mehrere Stockwerke verteilte Kompaktfassung der Regionalgeschichte verfolgen: von den Dinosauriern und Mammuts über die Boote, Zelte, Werkzeuge und schamanistischen Utensilien der Nanai, Ultschen und Ewenken bis zur „Jetztzeit“ , deren Auftakt wohl das Panoramagemälde der entscheidenden Schlacht aus dem Bürgerkrieg bildet: hinter Schneewällen kämpfende Weiße und Rote, es siegen die Partisanen vom Amur. Wie es dann weitergeht in der Sowjetzeit und danach, können wir nur noch im Eiltempo erfassen. Wir waren zu lange bei den wunderbaren Robben, Elchen, Baumkatzen, den schwarzen und braunen Bären und den Amur-Tigern, alle wie lebend in ihre sorgfältig gestalteten, gleichsam ausgemalten Biotope, mitunter in eine szenische Darbietung versetzt, man hätte dort und bei den indigenen Völkern noch Stunden zubringen können … Unsere Zeit aber reicht nicht, auch nicht für die Besichtigung der Knochen eines riesigen Finnwals, dessen rekonstruiertes Skelett in einem Extraraum ausgestellt ist. Wieder im Freien – hinter uns schließt eine elegante Dame, wir halten sie für das Oberhaupt der Wächterinnen, die Museumstür -, gehen wir vorbei an gipsweißen Skulpturen: einem lesenden Schulmädchen, einer Speersportlerin, einem jungen Fanfarenbläser auf das Flussufer zu. Es ist hier steil, eine Klippe, von der man weit über den Amur sieht – zurück in den Winter, auf vereiste Flächen bis an den Horizont. Eine schmale Zone offenes Wasser, graublau wie der Himmel und gesäumt von gefrorenem Schaum, zieht sich am sandigen Ufer entlang. Im Sommer ist es dicht belagert, ein regelrechter Stadtstrand, und im Fluss wird gebadet, sagt Larissa. Jetzt sind vereinzelt Spaziergänger unterwegs, kleine dunkle Silhouetten, winzig vor den aufragenden Wohntürmen, den weißen Häusern am Cliff und einer weißen Kirche mit ihren blendenden Kuppeln. Immer wieder kommt die Sonne hervor, lässt das Panorama der Stadt und die Eisflächen aufleuchten, das Wasser funkeln. Larissa hat uns an ihren Lieblingsort geführt, von hier hat man den wohl schönsten Blick auf Chabarowsk am Amur. Im Weitergehen drehe ich mich um und sehe noch einmal, jetzt von der Seite, auf seinem hohen Sockel Nikolai Murawjow, dem die mit China 1858 vertraglich vereinbarte Grenzziehung den Titel Amurski (Graf von Amur) eingetragen hat.
Dass seine bronzene Statue 1929 abmontiert, durch ein Lenin-Denkmal ersetzt und 1993 dann wiedererrichtet wurde, dass dieses Monument inzwischen auf der Vorderseite der 5000 Rubel-Banknote abgebildet ist, erfahre ich später. Wir sitzen in einem folkloristisch gestalteten Restaurant mit ukrainischer Küche und sprechen über Erinnerungsarbeit in Russland. Als Fazit behalte ich, auch weil meine Wahrnehmungen es belegen, dass diese Arbeit in der Rekonstruktion von Kirchen und Denkmälern, der Wiedereinführung von Straßennamen, der Neuauflage von Büchern und Gedenktagen besteht, die die Sowjetmacht als Relikte oder Zeugnisse zaristischer Herrschaft aus dem nationalen Gedächtnis löschen wollte. Jetzt dienen sie einer patriotischen Rückbesinnung auf die Geschichte Russlands vor der Oktoberrevolution. Über den Stalinismus reden wir nicht, er grundiert wortlos das Gespräch, das sich bald anderen Themen zuwendet, dem Restaurant „Moskau“ in Ostberlin, meiner Begeisterung dort für Kotelett nach Kiewer Art, den Kontakten von Hannes und Larissa zu einstigen Kollegen und der Planung für den nächsten Tag. Zum Glück werden wir ein Auto der Uni zur Verfügung haben, also flexibler sein als wenn wir, wie ursprünglich vorgesehen, mit dem Zug fahren müssten.
Um 9 Uhr werden wir im Hotel abgeholt. Neben dem Chauffeur sitzt unser Betreuer Pawel, ein Germanistikstudent, der aus Birobidschan stammt, der Hauptstadt des Jüdischen Autonomen Gebiets (ein Territorium von 36.000 Quadratkilometern mit insgesamt 200.000 Einwohnern). Dorthin geht die Fahrt. Wir überqueren die imponierende zweieinhalb Kilometer lange Amur-Brücke auf dem oberen Geschoss, im unteren sind die Eisenbahngleise, und fahren dann knapp hundertsiebzig Kilometer in nordwestlicher Richtung durch eine flache, graubraune Landschaft aus Wiesen, Sümpfen, Birken, Erlen, kleinen Pappeln, über allem ein lichtblauer Himmel. Hin und wieder tauchen Wegweiser auf, Tschita 1000 km, lese ich. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir das Ortsschild: zwei hohe Pfeiler dicht nebeneinander, unten in zwei weit geöffnete Flügel oder Arme auslaufend, auf dem linken in russischer, rechts in hebräischer Schrift der Name Birobidschan, dunkelblau auf kreideweißem Grund. Wir halten an zum Fotografieren. Auch unser Chauffeur Artjom steigt aus, er war noch niemals hier.
In den 1920er Jahren wurde Birobidschan im Zuge von Stalins Nationalitätenpolitik als jüdisches Siedlungsgebiet vorgesehen, in dem freilich die Juden zu keinem Zeitpunkt die Bevölkerungsmehrheit stellten, beim Zerfall der Sowjetunion nur noch etwas über vier Prozent, ein Anteil, der durch die Auswanderungen nach Israel und Deutschland weiter geschrumpft ist. Ich entsinne mich, dass Larissa – oder war es Sergej in seinem Redeschwall auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel – erwähnt hat, nach dem Zerfall der Sowjetunion habe Birobidschan den Status einer autonomen Oblast dem eines Rajons in der Verwaltungsregion Chabarowsk vorgezogen – eine aus ökonomischen Gründen mittlerweile bedauerte Entscheidung.
Wir durchstreifen die Stadt zu Fuß. Sie wirkt leer, in Sonntagsruhe versunken. Wenige Autos, wenige Passanten unterwegs. Ich fotografiere an einem Eckhaus, von dem der Putz abblättert, das neu aussehende dunkelblaue Straßenschild mit weißer Inschrift auf Russisch und Hebräisch: Puschkinstraße. Nicht weit davon sitzt auf wuchtigem Sockel, entspannt in seinem Lehnstuhl, ein Manuskript in Händen Scholem Alejchem, der niemals hier gewesen ist. Sein Milchmann Tewje, vom gleichen Künstler in Bronze gegossen, hält überlebensgroß mit Pferd und Wagen neben dem Bahnhof. Auf dessen Vorplatz ragt weithin sichtbar eine Brunnensäule empor, die der sechsarmige Leuchter krönt wie ein Wahrzeichen der Stadt. Mir fällt ein Ausdruck ein, den ich irgendwo, vielleicht im Zusammenhang mit der Schtetl-Nostalgie in „Anatevka“, gelesen hatte: imaginäres Judentum. Mit unserem Begleiter Pawel darüber zu reden, liegt nahe – seine Mutter unterrichtet in der jüdischen Gemeinde –, und erscheint mir mangels einer gemeinsamen Sprache doch unmöglich; sein Deutsch ist nicht viel besser als mein Russisch, das gemeinsame Englisch unzulänglich. So wandern wir, von kargen Auskünften begleitet, zur neuen, anstelle des alten Holzbaus 2003 errichteten Synagoge. Im Gemeindehaus finden Vorbereitungen auf Pessach statt (dessen Datum in diesem Jahr mit der christlichen Karwoche und Ostern zusammenfällt). Eine große Gruppe Mädchen und Jungen übt, angefeuert von einer jungen schwarzhaarigen Frau einen mitreißend temperamentvollen Tanz ein, andere Jugendliche basteln und malen. Im Flur hängen Schülerzeichnungen mit biblischen Motiven: dem Turmbau zu Babel, dem Auszug der Kinder Israel aus Ägypten, Moses, der das Meer teilt. In einem Klassenzimmer findet Jiddisch-Unterricht statt. Einige Frauen sind da, Lächeln, Händeschütteln, kurze freundliche Wortwechsel. Pawel begrüßt seine Mutter, dann sind wir wieder draußen. Auf dem Hof zeigt er uns ein winziges Holzhaus, bestimmt für eine Familie, die dort zwei Monate in Schweigen verbringt. Wird es häufig genutzt? Pawel weiß es nicht genau, zur Zeit ist jedenfalls niemand darin.
Die Sonne scheint, der Himmel ist von frühlingshaftem Blau. Der Stadtrundgang führt uns durch breite, leere Straßen, von Denkmal zu Denkmal: ein großer Lenin, auf dem Platz der Freundschaft ein von Chinesen gestiftetes Mahnmal zur Bewahrung der Welt, es steht in einem lichten Park, eine kleine Familie ist dort unterwegs und füttert Tauben, ein junger Mann in Kapuzenjacke sieht zu. Am anderen Ende des Parks ein Soldat aus Bronze, Denkmal zu Ehren „der einheimischen Veteranen aus lokalen Kriegen und kriegerischen Konflikten“. Wir übersetzen das mit Afghanistan, Tschetschenien, Georgien, dem Ussuri-Grenzkonflikt mit China und folgen Pawel an die Bira. Sie ist teils noch vereist und von vertrautem Ausmaß, nicht viel breiter als die Saale in Halle, denke ich. Die Uferpromenade, aufwändig gestaltet mit Mosaikböden, Balustraden, Portalen, Marmorbänken, eleganten Mastleuchten, ist großräumig und menschenleer, die kräftige Gestalt mitten im Wege eine weitere Skulptur des offenbar gut beschäftigten Bildhauers, der hier einen Maler mit Pinsel und Palette sinnend vor eine leere Staffelei gestellt hat. Wir gehen auf ein Gebäude zu, das von fern wie ein Bunker aussieht, sich aus der Nähe indes als kühnes, wenngleich heruntergekommenes Bauwerk erweist: die Philharmonie, deren Akustik, sagt uns Pawel, auf einer höchst seltenen, nur noch in einem Konzertgebäude in Spanien anzutreffenden Technik beruht. Einen Blick ins Innere werfen können wir nicht, das Haus ist außer Betrieb.
Auf dem Rückweg zum Auto möchten wir in der Hauptpost Ansichtskarten kaufen, aber sie ist bereits geschlossen. Auf dem Parkplatz gegenüber gibt es Bewegung, Stimmen und Gelächter: zwei junge Paare sind damit beschäftigt, sich vor einem silbergrauen Wagen zu fotografieren, das ist ein Lexus, sagt Hannes.
Wir treffen Artjom, unseren Chauffeur, an der verabredeten Stelle, in die Lektüre eines dicken Buches vertieft. Unsere Einladung zum Mittagessen lehnt er dankend ab, Pawel hat es nicht anders erwartet. Das Restaurant – früher jüdisch, jetzt ukrainisch mit einigen jüdischen Gerichten auf der Karte – macht einen sehr angenehmen Eindruck. In einem separaten Raum findet eine Familienfeier statt, ein Geburtstag vielleicht, wir sehen sonntäglich gekleidete Kinder mit Geschenken und Luftballons in den Händen. Pawel berät uns bei der Speiseauswahl. Ich esse Borschtsch und einen Nachtisch, den Pawel noch aus der Kindheit kennt: Apfel- und Möhrenstücke mit Rosinen und Zimtsauce. Alles sehr gut.
Wieder am Auto, warte ich auf Hannes und Pawel, die noch im Haus sind, und frage Artjom, ob er auch manchmal essen geht? In der Sowjetunion öfters, mit seiner Frau, sagt er, aber jetzt in Russland niemals, zu teuer. Auf dem Beifahrersitz liegt sein Buch, dem Cover nach muss es sich um einen Thriller handeln oder einen Gruselroman, auch der Titel spricht dafür: Der siebente Kreis der Hölle. Ja, es sei ziemlich spannend, sagt er.
Auf der Rückfahrt nicke ich immer wieder ein und bin verblüfft, wie schnell wir die große Amurbrücke erreichen, als hätten wir eine kürzere Strecke genommen, aber die gibt es nicht, und die Fahrt hat wie auf dem Hinweg etwas über zwei Stunden gedauert.
Am Montag, dem Auftakt unserer Arbeitswoche in Chabarowsk, ist es für hiesige Verhältnisse recht mild, 14 °, sagt Hannes beim Frühstück. Wir sitzen in einem großen mit geblümten Polsterstühlen und weiß gedeckten Tischen ausgestatteten Speisesaal, der in einen weiteren ähnlich möblierten Raum übergeht. Die wenigen Hotelgäste, zumeist jüngere wahrscheinlich dienstreisende Herren, haben sich wie wir wegsparend nahe vom Büffet niedergelassen. Nach den guten Erfahrungen in den Stolowajas der Universität Wladiwostok müssen wir uns hier auf geschmacklosen, blassen Aufschnitt und gummiartigen Käse, hellgrauen Haferschleim, mehliges kaltes Omelett und das Erlebnis umstellen, dass die Pfannkuchen, die wir auf den Nachbartischen sehen, schon aus sind. So wird es bleiben bis zum letzten Frühstück, bei dem Hannes eine Extraportion Pfannkuchen und Marmelade bekommt, Belohnung für unverdrossenes Nachfragen an den Tagen zuvor, sagt er. Ich halte mich nach durchweg enttäuschenden Kostproben an Schwarzbrot und Butter.
Den Tag verbringe ich im Hotelzimmer und bereite mich auf ein Seminar mit den Romanistinnen vor. Wie schon bei einer ähnlichen Veranstaltung in Wladiwostok soll es um den Nouveau Roman und Claude Simon gehen, ein Thema, das ich im Schlaf abhandeln kann, allerdings nicht ohne Mühe zwei Stunden lang auf Französisch. So mache ich mir Notizen und sorge dafür, möglichst viele Zitate unterzubringen. Die „table ronde“ am Dienstag läuft dann sehr gut. Diesmal in einem kleinen Kreis aus drei Dozentinnen, der Dekanin und vier Studierenden (in Wladiwostok waren es etwa fünfzehn), die sich außerdem auf die gemeinsame Lektüre eines in Kopien verteilten Romanauszuges – des ersten Satzes aus „La Route des Flandres“ – vorbereiten konnten. Was wahrscheinlich niemand außer der für die Veranstaltung verantwortlichen Oxana Salichowa getan hat. Und die Dekanin offenbar. Sie liest in vorzüglicher Aussprache die nahezu interpunktionslose Passage vor wie man sie nur lesen kann, wenn man sich mit ihr auseinandergesetzt, ihre Konstruktion, ihren Rhythmus erfasst hat. Für ein eingehendes Gespräch über den Text reicht die Zeit nicht mehr. Am anderen Ende des Raumes ist ein Kaffeetisch gedeckt. Die Studierenden verschwinden, für die Lehrkräfte und mich gibt es Tee, eine nach Napoleon benannte Torte und Schaumgebäck mit verschiedenen Füllungen (eine Wladiwostoker Spezialität, erfahre ich). Die Konversation auf Französisch weicht alsbald einem lebhaften russischen Klagelied über die Nachteile der Zusammenlegung verschiedener Fakultäten, die verlängerten Amtswege, die ausufernde Bürokratie, das durch die Ankunft von Hannes unterbrochen wird. Er holt mich ab zu Einkäufen in der Stadt.
Wir gehen eine der Nord-Süd-Magistralen, die sehr lange, sehr breite Karl-Marx-Straße (an ihr liegt auch unser Hotel „Tourist“) hinunter bis zum Leninplatz, von dort an heißt sie Murawjow-Amurski-Straße und endet an den Amur-Uferanlagen. Geräumigkeit und gepflegte Eleganz aus Sowjetzeiten, saubere Gehwege, großzügige Grünanlagen, in den Läden wenig Betrieb. Wir kaufen dunkle Schokolade in einem kleinen, gut sortierten Geschäft, das Hannes vom letzten Mal kennt, und Mitbringsel in einem Kunstgewerbeladen, den ein Verein betreibt. Hannes kommt auf Englisch sofort ins Gespräch mit einer freundlichen fülligen jungen Verkäuferin. Er erfährt, dass sie Geschichte studiert hat und ihre Schwester in Berlin lebt, dass die angebotenen Produkte hier in der Region gefertigt werden, zum Teil aus indigener Manufaktur, dass wir im Untergeschoss auch Künstlern bei der Arbeit zusehen können. Mit handbemalten hölzernen Ostereiern, Schächtelchen aus Birkenrinde, Bastuntersetzern und einem Flachmann mit Putinkonterfei, Geburtstagsgeschenk für Hannes‘ englischen Freund, verlassen wir das Geschäft, dann erwerbe ich in einem Brillenladen ein silberfarbenes Etui, Ersatz für mein im Flugzeug verlorenes, das sehr stabil wirkt und geräuschvoll zuklappt. Zum Abendessen suchen wir, wie schon am Sonnabend mit Larissa, das ukrainische Lokal auf, das mit Sonnenblumen im Ladenschild sowie rustikalem Interieur für sich wirbt, im Eingangsbereich eine Art Stalltür, davor ein alter Handwagen und, es sieht aus wie frisch lackiert, ein schwarzweißes Kälbchen vom Format eines Bernhardiners. Diesmal probiere ich eine kalte Suppe aus Kwas und saurer Sahne mit Gurke, roter Beete und Kräutern, sehr wohlschmeckend, dann ukrainische Kohlrouladen, leider mit Käse überbacken und viel zu mächtig. Hannes genießt sein Kotljet po kiewski, wir beide das tschechische Bier. Zurück fahren wir mit dem Bus einer Privatgesellschaft, Chauffeur und Kassiererin könnten auch die Eigentümer des schrottreif wirkenden Fahrzeugs sein, schätzen wir.
Im Hotel gibt es noch den abendlichen Schluck Wein, diesmal einen aus dem Rhônetal, gekauft in der an Überzeugung grenzenden Hoffnung, er könne nur besser sein als der chilenische, ausgewählt bei unserer vorigen Einkehr im NK City, wo wir vergebens nach dem guten Rotwein vom Kuban suchten, den wir experimentierfreudig in Wladiwostok erworben hatten. Breites Angebot auch hier, darunter keine der uns bekannten Sorten und leider wiederum kein Glück bei der Auswahl. Trotzdem, das Ritual zählt: abwechselnd Gast und Gastgeber am halbwegs freigeräumten Schreibtisch des Hotelzimmers, das Anstoßen mit den Zahnputzgläsern, die Erzählungen aus unserem Leben. Wie damals in Saratow, in der Wohnung von Clara Iwanowna, unserem Quartier für eine Woche, als Hannes auf seine Gefängniszeit in Leipzig zu sprechen kam und ich auf die Verhaftung meiner Leipziger Freunde um dieselbe Zeit und sich herausstellte, dass beides miteinander zusammenhing, dass unsere Lebenswege sich berührt hatten, ohne dass wir es wussten.
Im „Dialogischen Kolloquium“ über unser Deutschlandbild – es war die erste Veranstaltung in Wladiwostok und wird in Chabarowsk die letzte sein – sprechen wir in wechselnder Ausführlichkeit über unsere Biographien, die Herausbildung ähnlicher Positionen in unterschiedlichen, ideologisch gegensätzlichen Systemen. Für die Studierenden ein Geschehen aus der fernen Vergangenheit fernstehender Personen, ihnen gleichgültig oder vielleicht nahegehend oder irritierend unverständlich – erkennen können wir nichts davon. Anders in einem Fortbildungsseminar für Lehrkräfte (in Chabarowsk) zum gleichen Thema. Da entbrennt ein leidenschaftlicher Streit. Eine dunkle ältere, streng wirkende Frau – Irina, wenn ich richtig verstanden habe, Dozentin an einer Militärakademie – lässt sich auf Unterschiede zwischen Patriotismus und Nationalismus nicht ein, sie sagt zu alledem Vaterlandsliebe und hält diese unbedingt für ein natürliches, wertvolles Gefühl. Natascha hingegen beobachtet die Verherrlichung der Vaterlandsverteidigung, deren Ansätze schon im Kindergarten ihres Sohnes, mit großer Sorge. So geht es eine Weile hin und her, bis Irina befindet – und offenkundig ist dies ein schimpfwortnaher Tadel -: Unsere Natascha ist eine Liberale. Die Betroffene und andere sind amüsiert, alles ist gesagt.
Die kleine Szene bleibt mir im Gedächtnis wie auch eine überraschende Frage nach meiner Lesung in der Fernöstlichen Staatlichen Wissenschaftlichen Bibliothek. Zu dieser Abendveranstaltung holt wiederum Anna Kisseljowa mich ab, die mir von Larissa fürsorglich als Betreuerin zugeteilt worden ist. Ein mir sofort sympathisches, großes schlankes Mädchen in engen Jeans, immer pünktlich zur Stelle und gewissenhaft um Konversation bemüht, der Einsatz gilt für sie als Praktikum in Alltagskommunikation. Wir besprechen das Aprilwetter, launisch in Fernost wie auch in Deutschland, und fahren mit dem Bus bis an den Anfang der Murawjow-Amurski-Straße, zu einem stattlichen dunkelbraunen Haus, das die Bibliothek beherbergt. Der Vortragssaal dort ist schon gut gefüllt, ein gemischtes Publikum, alt und jung, auch Schüler sind dabei. Hannes kommt von einem Besuch bei Bekannten, er bringt ein kleines blondes Mädchen mit, sechzehn Jahre jung. Schüchtern sieht sie aus und ist es gar nicht. Da sie, wie ich gleich erfahre, selber schreibt, fragt sie mich nach meinen Gefühlen beim Schreiben. Dann aber müssen wir anfangen. Der Zeitplan sieht vor: exakt eine Stunde, davon vierzig Minuten für die Lesung, der Rest für die Diskussion. Anastasia Neupokojewa, die vom fünften bis zum zwölften Lebensjahr mit ihrem Militärvater und der Familie in der DDR gelebt hat, stellt mich in perfektem Deutsch vor. Ich lese einen kurzen autobiographischen Text („Dreimal Berlin und ein Epilog“), dann eine Szene aus „Luftweg nach Indien“, in der Erinnerungen an eine weit zurückliegende Reise in die zentralasiatischen Sowjetrepubliken vorkommen. Wenn ich vom Manuskript aufblicke, sehe ich am anderen Ende des Raumes auf sandfarbenem Grund einen braunen Amurtiger sich anschleichen, während der Diskussion dann in aufmerksame, wohlwollende Gesichter. Es gibt viele Fragen: Ob beim Schreiben für mich eine Rolle spielt, für wen ich schreibe; ob ich die DDR zurückhaben möchte; welche Gefühle ich beim Anblick der Mauer hatte und, darauf war ich nun nicht gefasst, ob ich wisse, wie oft die Lindenbäume Unter den Linden gepflanzt wurden? Mindestens zweimal, sage ich, es können aber auch drei gewesen sein, falls schon nach dem Ersten Weltkrieg …Niemand weiß es genau. Die Veranstaltung endet pünktlich. Die Leiterin der Bibliothek überreicht mir unter herzlichem Beifall einen großen Bildband „Semlja Chabarowskaja“ (er fühlt sich so schwer an, dass ich sofort beschließe, ihn im Hotel zurückzulassen, was Hannes mir zum Glück ausreden wird), dann gruppieren sich alle auf Larissas Geheiß, den Tiger-Wandteppich im Hintergrund, zu den unerlässlichen, willig absolvierten Gruppenfotos. Beim Auseinandergehen hält eine Studentin mich auf, sie hat mir etwas mitgebracht, sorgfältig verpackt: drei selbstgebackene Küchlein, sie sind ganz leicht.
Zusammen mit Larissa, Sergej, Anastasia, Natascha und dem DAAD-Lektor Thorsten Müller fahren wir mit einem Bus der Linie 1 in die Nähe des Bahnhofs (den ich nur bei dieser Gelegenheit, nächtlich illuminiert, zu Gesicht bekomme, ein zweistöckiges palastartiges Gebäude mit heller, schön gegliederter Fassade und grünem Dach), wo sich im „Kinoteatr Druschba“ das Restaurant „Iron Kabis“ befindet, absolut in, sagt Sergej, der befürchtet, dass wir keine Plätze mehr bekommen. Im Gastraum macht gerade das Fernsehen Aufnahmen, Helligkeit und Gewusel, dennoch: ein großer runder Tisch ist frei. Nach langwierigem Beratschlagen, Auswählen, Bestellen, Warten bekommen alle das Gewünschte, die Mehrheit (so auch ich) Piroggen, eine Spezialität des Hauses, ganz vorzüglich. Ein Abend, an dem lebhaft durcheinander über alles und nichts geredet wird, man hat es gleich wieder vergessen und fühlt sich einfach wohl dabei.
Am nächsten Vormittag habe ich frei. Draußen Sonne, frischer Wind, ich folge Hannes‘ Empfehlung und mache einen Spaziergang. Vorbei an der Universität und dem Puschkin-Denkmal, auf dessen Sockel (wahrscheinlich stets) Blumensträuße liegen, rote Nelken vor allem. Dann in die nächste Querstraße nach links, an dem weitläufigen, von einer Reihe (um diese Jahreszeit wasserlosen) Teiche gesäumten Stadtpark entlang, der das Dynamostadion umschließt und zu den Attraktionen der Stadt gehört. Auf der anderen Straßenseite ein Areal modernes Chabarowsk: hohe, zum Teil schräge Wohnhäuser und die attraktive Platinum Arena, ein gewölbtes mächtiges Gebäude, als Eissporthalle Austragungsort der Heimspiele vom Hockeyclub Amur Chabarowsk, manchmal finden dort auch Rock-Konzerte statt. Jetzt Stille und Leere ringsum, wenige Autos auf dem riesigen Parkplatz. Auf dem Rückweg komme ich an einem älteren kleinen Haus vorbei, das mit seinem Ockergelb hervorsticht und einen Schaukasten trägt. Ich bleibe stehen. Hinter Glas Fotos von Massenaufmärschen, darüber ein lächelndes Gesicht in einer Aureole: „Nasch ljubimyi woschdj Kim Ir Sen“. Rasch fotografiere ich, auf das Erscheinen eines Wachpostens gefasst, das Haus beherbergt ein Konsulat der Demokratischen Volksrepublik Korea. Die Fotos will ich Jörn schicken, suche in meinem Smartphone unter Sprache und Eingabe nach Russisch, tippe versehentlich sonstwohin und sehe fasziniert zu, wie auf dem Display eine für mich unleserliche Schrift erscheint, die mir doch irgendwie bekannt vorkommt, Hindi, beschließe ich und lasse das Ganze vorläufig auf sich beruhen. Ich muss nun schleunigst los in die Universität zu meinem Vortrag über „Berlin als geteilte Stadt der Literatur“. An der Eingangskontrolle erwartet mich schon Anna. Ich gebe ihr ein vorbereitetes Blatt mit Schriftstellernamen zum Anschreiben. Auch sie gibt mir etwas, das in einer Geschenktüte steckt. Mir habe doch in der Bibliothek der Amur-Tiger so gefallen. Selbst gemacht, sagt sie. Zum Vorschein kommt ein kleines Stofftier zum Anhängen, orangerot und weiß mit schwarzen Streifen, grünen Augen, aufmerksam und freundlich sieht es aus. Ich bin gerührt. In Deutschland kaum vorstellbar, denke ich, wie auch das Selbstgebackene gestern.
Beim Abendessen in einem Restaurant gegenüber der Universität – wo die Beleuchtung spärlich, die westeuropäisch inspirierte Küche exzellent ist – komme ich mit Thorsten Müller ins Gespräch, der noch nicht lange als DAAD Lektor in Chabarowsk arbeitet. Ihm gefällt das Leben hier: Es ist anders als in seiner schwäbischen Heimat, man kann spontan bei Leuten auftauchen, kurz entschlossen etwas unternehmen. Weniger Förmlichkeit und Planung, sagt er, mehr Freiheit.
Der letzter Arbeitstag endet am frühen Nachmittag mit dem „Dialogischen Kolloquium“ über unser Deutschlandbild, diesmal als Blockseminar (zu dem Hannes etwas später kommt, weil er Plätze für uns im Flugzeug nach Moskau bucht). Eine gelungene Veranstaltung, aufmerksame Zuhörer, Fragen von Sergej und Pawel. Zum Abschluss erscheint Larissa. Sie überreicht Hannes und mir einen „Blagodarstwennoje Pismo“ mit Stempel und Unterschrift des Institutsdirektors, der für unsere „Unterstützung der internationalen akademischen Beziehungen auf dem Gebiet der Germanistik“ dankt. Dann unterschreiben wir einen kräftigen Stapel Teilnahmebescheinigungen für die Studierenden.
In ihrem Büro hat Larissa noch Geschenke für uns, bunte Banderolen zum Färben von Ostereiern und für jeden ein großes, standfestes Osterei aus dickwandigem Porzellan, mit Blüten und einer kuppeltürmigen Kirche kobaltblau bemalt in dem volkstümlichem Stil, der typisch ist für die bekannte Keramik aus Gschel (von der ich bis dahin nichts wusste). Außerdem schenkt uns Larissa Karten zu einem Konzert. Bevor wir sie abends wieder treffen, gehen Hannes und ich zurück ins Hotel. Das nahende Fest macht sich auf den Straßen schon bemerkbar, Zweige voller Weidenkätzchen und Erdbeeren aus China an jeder Ecke, Stände mit Pascha und Kulitsch, den russischen Ostergerichten.
Festliche Stimmung auch in der Philharmonie. Ein Publikum, das mich an Konzertbesuche zu DDR-Zeiten erinnert und Wolken geraffter Vorhänge über der Bühne. Im großen Saal kein freier Platz mehr, soweit wir blicken. Der Anfang verzögert sich, man wartet noch auf den russischen Kulturminister und den Gouverneur der Region, das Konzert bildet den Abschluss des VII. Internationalen Musikfestivals 2017 im Kraj Chabarowsk. Es spielen die „Moskauer Solisten“, ein berühmtes Kammerorchester unter Leitung des berühmten Bratschisten und Dirigenten Juri Baschmet, für Hannes und mich Entdeckungen – wie auch die Solisten: die sehr junge Geigerin Marija Tiljuk (sie spielt eine „Méditation“ von Tschaikowsky), der Pianist Iwan Rudin mit Mozarts 12. Klavierkonzert in A-Dur und der auch als Jazzmusiker prominente Hornist Arkadi Schilkloper in Leopold Mozarts Sinfonia Pastorale G-Dur sowie einer bejubelten eigenen Komposition für Alphorn und Streichorchester. Hinreissende Spielfreude vom ersten Stück, einem Präludium und Scherzo von Schostakowitsch, bis zur Filmmusik von Toru Takemitsu am Schluss, mit der das Konzert aber noch nicht zu Ende ist. Nach rauschendem Beifall zwei Zugaben: der Walzer aus „Schwanensee“ und ein Solostück für Bratsche, das Baschmet wie ein zweiter Paganini, sagt Larissa, mit sichtlichem Spaß an der Virtuosität spielt. Dann gibt es Dankesworte vom Kraj-Chef Wjatscheslaw Schport, Blumen und wieder Beifall. Beglückt ziehen wir in das Restaurant La Vita zum Abschiedsessen, lassen die Tage Revue passieren und danken Larissa für ein Management, das uns den Aufenthalt zum Vergnügen gemacht, für sie indes eine zusätzliche Portion Stress bedeutet hat. Das schon, sagt sie, aber einen sehr angenehmen, und er könnte sich gern in einem der nächsten Jahre wiederholen.
Am Sonnabend bringt uns der schweigsame Student Sascha in einer Uni-Limousine zum Flughafen. Dort wartet bereits meine Betreuerin Anna, um sich zu verabschieden. Ich hätte es nicht erwartet und bin einmal mehr gerührt. Die Abfertigung zieht sich in die Länge, aber dank Hannes‘ Umsicht haben wir die Bordkarten ja schon. Bei der Gepäckkontrolle werde ich herausgewinkt, in meinem Handgepäck befinde sich unerlaubter Inhalt. In der Tat. Beim mehrmaligen Umpacken am Morgen habe ich den Wodka für Jörn im Rucksack vergessen. Jetzt muss er draußen bleiben. Ich gebe ihn einer Kontrolleurin, sage: sawtra prasdnik und ernte verwunderte Blicke. Im Duty free Shop erwerbe ich dieselbe Marke in einer noch größeren Flasche zum Aktionspreis. Wir starten pünktlich 13:45 und fliegen (mit einer Boeing 777-300ER, dem größten zweistrahligen Flugzeug der Welt, lese ich) die ganze Zeit bei Helligkeit, sieben und eine dreiviertel Stunde lang, nach meinem Gefühl endlos, doch auf der umgestellten Uhr ist es bei der Ankunft in Moskau 14:25. Im Flughafen Scheremetjewo ist Hannes in einer „Schokoladnaja“ mit Vika verabredet, die an einer medizinischen Hochschule Deutsch unterrichtet. Ich komme mit und erlebe eine anziehende junge Frau, lebhaft, anmutig. Sie hat gerade in einem Moskauer Wissenschaftsverlag ein Büchlein über Marcel Reich-Ranicki veröffentlicht, auf Russisch, aber sie hätte es auch auf Deutsch schreiben können, denke ich. Sie übertrifft noch, Sergej ausgenommen, all die Sprachgewandten, mit denen wir hier zu tun hatten. Und als sie sagt, Moskau sei eine unglaublich interessante Stadt, bin ich, trotz meiner eigenen allerdings weit zurückliegenden Eindrücke, sofort bereit, ihr zu glauben. Belebt von diesem Treffen und dem grünen Tee, zu dem Vika uns eingeladen hat, begeben wir uns zum Check-in für den Flug nach Düsseldorf, der – es erscheint einem nun kurz – knapp dreieinhalb Stunden dauert. Der Airbus ist halb leer, das warme Essen verschmähen wir, den guten Rotwein aber nicht. Ich lese in der Moskauer Deutschen Zeitung, die Hannes uns bei einer der Stewardessen besorgt hat, und erfahre, was DNA-Analysen des Moskauer Zentrums Genotek erbracht haben:
In genetisch bedingten „objektiven“ Faktoren wie Körperbau, Aussehen, Widerstandsfähigkeit seien die Russen zu fast neunzig Prozent „aus europäischem Holz geschnitzt“, zu knapp zehn Prozent aus asiatischem. Jedoch, wenn Russen von Europa reden, heißt es in dem Artikel (auf der Titelseite), „klingt das oft so, als ob sie nicht dazugehörten, dabei haben sie Europa gefühlt bis zum Baikalsee und Pazifik verlängert, wo es selbst in Wladiwostok noch absolut europäisch zugeht.“ Ich überlasse mich meinen Erinnerungen und nicke ein. Beim Aufwachen sehe ich hinunter auf erleuchtete Ortschaften in der Nacht, ein dichtes, feines Netz aus Lichtern, schon ziemlich nah. In Düsseldorf holt Bärbel uns mit dem Auto ab. Ich telefoniere mit Jörn, der unseren Flug im Internet verfolgt hat.
Gegen dreiundzwanzig Uhr sind wir zurück in Essen und gehen sehr bald schlafen.
Als ich aufwache, wird es gerade hell. Die Vögel singen, die Bäume sind zartgrün. Es ist Ostern. Nach einem üppigen Frühstück bringt Hannes mich zum Bahnhof. In einem pünktlichen, dünn besetzten Zug fahre ich nach Hause.